Startseite
Lesung/Vortrag
Kurse
"Symposion"
Textservice
Bücherkiste
Redekritik
Der Kopf dahinter
Kontakt
Blog
   
 


Wer öffentlich redet, muss damit rechnen, dass irgendwer zuhört.

Wir schauen denen "aufs Maul", die mehr öffentliche Aufmerksamkeit bekommen als die meisten anderen. Weil sie die Maßstäbe setzen für den Sprachgebrauch.

Was muten sie uns zu?

Was trauen sie uns zu?

Wie stellt sich der Redner/die Rednerin zu den Zuhörern?

Was sagen uns die Reden über ihre Erfinder?

Zugegeben: Unsere Urteile sind subjektiv. Aber wir hören hin! Genau!




 Video der Rede

Redekritik

Schon im Vorfeld der Rede gab es Aufregung. Nicht jeder hielt es für angemessen, dem Repräsentanten einer Religionsgemeinschaft die Bühne des Bundestages zu überlassen und damit die Trennung von Kirche und Staat in Deutschland weiter zu verwischen. Die Rechtfertigung – sofern man überhaupt eine für nötig hielt – lautete, der Papst spräche als Oberhaupt des Vatikans.
Ich war gespannt, was er als Oberhaupt eines Zwergstaates zu sagen hätte und hörte mir die Rede an. Um es gleich zu sagen: Das Staatsoberhaupt vernahm ich nicht. Die Rede war eine Mischung aus Predigt und Vorlesung. Beides war enttäuschend. Der Predigt fehlte der Schwung, der Vorlesung Präzision und Tiefe.

Vorgetragen wurde die Rede wie die Vorlesung eines Kathedergelehrten, der sich seiner Zuhörer sicher ist, weil er den Vorsitz der Prüfungskommission führen wird, die den Stoff abfragen wird. Die verwendete Sprache trug ein Übriges dazu bei, dass es schwer fiel, beim Redner zu bleiben. Das funktioniert vielleicht bei Studenten, die sich ausführlicher Exegese des Gesagten befleißigen müssen und wollen, um dem eigentlichen Gedanken des Meisters auf die Spur zu kommen. In jedem anderen Kontext ist diese Redeweise eine Zumutung für jedes Publikum, dem nicht von vornherein feststeht, dass von diesem Redner nur Bedeutendes kommen kann.
Bedeutendes wird in der Tradition der Deutschen Philosophie ja gern in einer Art Privatsprache gesagt, die dem Außenstehenden eher eine Ahnung des Gemeinten vermittelt als ein kritikfähiges Verständnis desselben. Der Kritikwillige bleibt verwirrt zurück und der Ahnende zieht aus der Rede eben das, was er schon immer ahnte. Im Ergebnis erleiden viele solcherart Reden das Schicksal, vergessen zu werden. Man wird vermutlich noch lange davon reden und schreiben, dass der Papst vor dem Bundestag geredet hat, die Rede selbst wird man außerhalb interessierter/betroffener Kreise vergessen.

In dieser Hinsicht noch vergleichsweise harmlos ist die folgende Passage, die wohl darauf zielt, den Kritikern seines  Auftritts den Wind aus den Segeln zu nehmen:
„ Aber die Einladung zu dieser Rede gilt mir als Papst, als Bischof von Rom, der die oberste Verantwortung für die katholische Christenheit trägt. Sie anerkennen damit die Rolle, die dem Heiligen Stuhl als Partner innerhalb der Völker- und Staatengemeinschaft zukommt. Von dieser meiner internationalen Verantwortung her möchte ich Ihnen einige Gedanken über die Grundlagen des freiheitlichen Rechtsstaats vorlegen.“

Sehen wir uns die Sätze einmal einzeln an:
„Aber die Einladung zu dieser Rede gilt mir als Papst, als Bischof von Rom, der die oberste Verantwortung für die katholische Christenheit trägt.“
Aha, sagt sich der Hörer, ist er doch als Vertreter der Glaubensgemeinschaft gekommen.

„Sie anerkennen damit die Rolle, die dem Heiligen Stuhl als Partner innerhalb der Völker- und Staatengemeinschaft zukommt.“
Eine kleine Glanzleistung vernebelnder Sprache. Nahegelegt wird die Reaktion: Aha, es geht um die Staatliche Rolle des Vatikans, dann wird er wohl als Staats-Chef sprechen.
ABER fragen Sie sich einmal: Welche Rolle des Heiligen Stuhls wird anerkannt?
Die Rolle wird nicht spezifiziert, aber beansprucht.

„Von dieser meiner internationalen Verantwortung her möchte ich Ihnen einige Gedanken über die Grundlagen des freiheitlichen Rechtsstaats vorlegen.“
Der Satz wechselt auf engstem Raum vom Gestus des Staatsmannes in den Gestus des Gelehrten. Der Redner täuscht – fußballerisch gesprochen - links an (international = staatsmännisch), um dann rechts vorbei zu gehen (Grundlagen des Rechtsstaats = ideologierelevantes Thema). Mit diesem Zug eröffnet er das eigentliche Spiel.

Ein Spiel zu dem mir angesichts des intellektuellen Rufes des Redners nur das Wort „gerissen“ einfällt. Vielleicht ist es aber auch simpel der Ausfluss der Selbstgewissheit, dass der katholischen Kirche die Rolle der geistigen Führerin zukomme. Nicht in der Wissenschaft, aber in Sachen Recht und Moral.

Der Form nach ist die folgende Rede dann ein Traktat, der in einem katholischen Priesterseminar am rechten Platz gewesen wäre. „Wahrheiten“ werden festgestellt, die Aussagen aber nicht gestützt. Das wäre wünschenswert gewesen, denn die Folgen solcher Gedankenspiele sind - wie immer bei rechtsphilosophischen Fragen – von erheblicher praktischer Relevanz.
Zwei Beispiele mögen das illustrieren.
1. „Der Mensch kann die Welt zerstören. Er kann sich selbst manipulieren. Er kann sozusagen Menschen machen und Menschen vom Menschsein ausschließen.“
Die Formulierung „Menschen vom Menschsein ausschließen“ enthält eine partitio principii, auf die sich die katholische Sexuallehre beruft, wenn es um Schwangerschaftsabbruch und angrenzende Themen geht. Dabei geht der Streit zu großen Teilen ja gerade darum, was als Mensch zu zählen ist.

2. „Wie erkennt man, was recht ist? In der Geschichte sind Rechtsordnungen fast durchgehend religiös begründet worden: Vom Blick auf die Gottheit her wird entschieden, was unter Menschen rechtens ist.“
Obwohl ich nicht recht verstehe, was „Vom Blick auf die Gottheit her“ genau bedeutet, scheint es mir auf nichts anderes hinaus zu laufen als dass der, der die Gottheit nicht im Blick hat, nicht entscheiden kann. Der braucht dann eben die Führung dessen, der den richtigen Blick hat. Einen Geltungsgrund für diese Aussage gibt der Redner nicht an. Hier will ich abbrechen. Die kritische Auseinandersetzung mit geschlossenen Gedankengebäuden ist schwierig, aufreibend und mit der hier gebotenen Kürze nicht zu leisten.

Kommen wir zum Schluss zum rhetorischen Fazit:
Das Redeziel des Papstes war (vermutlich) die Festigung des Anspruchs der Katholischen Kirche auf die geistige Führerschaft in der deutschen Gesellschaft.
Hat er das Ziel erreicht? Außer bei schon vorher überzeugten Katholiken, nicht.
Gehörte diese Rede in den Bundestag? Nein.



Redeausschnitte:

Rösler-Rede.wmv


Kein Stakkato, keine Attitüde des furchtlosen Ritters (der Gerechtigkeit), kein Geschrei. Der Stilunterschied zum alten Vorsitzenden  war nach wenigen Sekunden offenbar, als Philip Rösler auf dem Rostocker Parteitag seine Grundsatzrede hielt.
Ein Hauch von familiärer Nestwärme ging von ihm aus. Da war die FDP wirklich anderes gewöhnt. Man scheint sich nach Menschlichkeit und Wärme zu sehnen bei der untergangsgefährdeten Partei. Nachdem Lautstärke zu nichts geführt hat, entwickeln Zurückhaltung und Konzilianz Anziehungskraft. Die geschundenen Seelen wollen Balsam. Und Rösler bedient diese Hoffnung. Er präsentiert sich als einer, der mitten im Leben steht, der “Familie“ und „Heimat“ ganz selbstverständlich in den Mund nimmt. Schärfe ersetzt er meistens durch moderate Ironie und Witz. Rhetorisch gesehen, erfüllt Rösler die Forderung nach äußerer Angemessenheit (aptum) sehr gut: Er redet zu den Delegierten, wie sie es hier und jetzt schätzen.

Performativ, also beim Vortrag, ist Rösler nicht der Stärkste. Er spricht frei, das ist beeindruckend, belegt aber im Grunde nur gutes Gedächtnis und sorgfältige Vorbereitung. Letzteres ist das Mindeste, was ich von einer frischen Nummer Eins erwarte. Bleiben wir beim Vortrag. Rösler zerhackt seine Sätze, indem er seine Sprechpausen oftmals nicht nach Sinneinheiten macht. Damit erschwert er das Erfassen der Gedanken merklich. Und er verschluckt häufig die Enden von Wörtern und Sätzen. Mit vergleichbarer Wirkung. Es ist nachgewiesen, dass solche Störungen dem Auditorium die rationale Kritik am Gesagten schwer machen. Die Zuhörer finden – grob gesprochen – vor lauter Wundern über die Absonderlichkeiten keine Zeit mehr, innerlich Gegenargumente gegen die Behauptungen des Redners zu entwickeln. Deshalb gilt - nicht nur in der Werbung: Was zu dumm ist, gesprochen zu werden, wird gesungen. Nun unterstelle ich nicht, dass Herr Rösler diesen Mechanismus bewusst nutzen will, noch unterstelle ich den Delegierten, dass sie ihrem neuen Vorsitzenden besonders kritisch zuhören wollten. Insofern ist nichts Schlimmes passiert. Weil dieser Effekt  aber auch uns Außenstehende beeinflusst, sei davor gewarnt.

Inhaltlich und argumentativ habe ich - im Unterschied zu Röslers Behauptung und zu anderen Kommentatoren – keine wesentliche Neuorientierung ausmachen können. Rösler bleibt weitgehend bei einigermaßen wohlfeilen Gemeinplätzen, die er mit Schlagworten markiert: Freiheit, Mitte, Europa, Verantwortung, weniger Staat, um nur einige zu nennen. Und „Steuern senken“ nicht zu vergessen. Dazu noch „liberal“ und „bürgerlich“ und das Arsenal ist einigermaßen komplett. Das hat man alles schon einmal gehört, sogar in Reden von FDP-Politikern.
Die Neuorientierung liegt nach dieser Rede eher im Stil des Auftretens, von mir aus auch des Selbstverständnisses der Partei. Mir scheint: Rösler will sie volksnäher machen. Eine Partei zum Anfassen für jedermann. Eine Art Steuersenkungs-SPD vielleicht.

Aber zurück zur Rhetorik. Da fallen zwei Mittel besonders auf. Da ist zunächst eine echte Neuerung: Ein Parteivorsitzender bringt erstens seine Familie mit zum Parteitag. Zweitens stellt er den Delegierten, die Familie vor und die applaudieren drittens auch noch dafür. Symbolische Handlungen, die den politischen Diskurs eben nicht voranbringen, aber das (wichtige) Zeichen der „Erdung“ des Politikers aussenden. „Mensch“, soll der Hörer denken, „der hat ja sogar eine Schwiegermutter.“
Als zweites Mittel fällt in Röslers Rede das Storytelling  auf. Rösler weiß um die Wirkung einer guten Story und baut sie schon mal ein wenig gewaltsam in seine Rede ein. Das schadet denen naturgemäß nicht, denn Geschichten sind - nach allem was wir wissen – nicht totzukriegen. Die entscheidende Stärke von Geschichten ist aber wiederum die Wendung an das Gefühl der Hörer und ihre Eignung zur Erbauung.

Rösler hat seine Partei getröstet und ihr die Hoffnung gegeben, sie könnte wieder sympathisch werden. Ob das reicht, um sie zu retten, bleibt fraglich. Ich glaube es nicht.




Hier gibt es Schnipsel:
Rede Wulff


Es war langweilig, langweilig, langweilig.
Wie ein netter Verwaltungsfachangestellter, der am Sonntag Paulo Coelho liest und sich jetzt an einer Rede in der salbungsvollen Stilart erprobt, so stand Christian Wulff am Rednerpult in Bremen. Er wirkte unsicher und redete öfter neben den  Sätzen her, als wäre ihm deren Sinn gerade entfallen. Schon bei der ersten Reihung im ersten Absatz geht ihm die Puste aus.
Überhaupt liegt ihm Pathos nicht, ja ist ihm fremd. Man höre sich den geschäftsordnungsmäßigen Ausdruck an, wenn er sagt: „Ich verneige mich …“. Auch sonst fand sich nichts Mitreißendes, Wegweisendes. Motivierendes auch nicht.

Keine Wertung also für den Redner in den rhetorischen Fächern delectare und movere. Doch wie stand’s ums docere?
Auch nicht besser. Der Redner reihte ausgelutschte Gemeinplätze lose aneinander. Nichts war neu, nichts originell. Keine Überraschungen. Dafür alles 100 % ausgewogen.

Er fragt: „Doch was meint ‚einig Vaterland‘? Was hält uns zusammen? Sind wir zusammengewachsen, trotz aller Unterschiede?“
Dann geht es ihm erst einmal um die Frage, was uns zusammenhält, denn er setzt fort:
„Eine erste Antwort liegt auf der Hand: Es ist die Erinnerung an unsere gemeinsame Geschichte.“
Gleich darauf verliert er diesen Gedanken aus dem Blick. Statt seiner Ausarbeitung/Vertiefung folgt ein Strauß von Danksagungen. Jede irgendwie korrekt und irgendwie zu Recht und permanent blass. Wulff formuliert blass und schmalbrüstig.
Die mutigsten Sätze, die ich fand, waren:
1. „Das ist nicht ausreichend gewürdigt worden.“ (Nämlich, dass es „die Ostdeutschen“ waren, „die den allergrößten Teil des Umbruchs geschultert haben.“ Nebenbei: Wie schultert man einen Umbruch?)
2. „Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“ An beiden Stellen entfuhr mir ein – natürlich leises – „Donnerwetter!“ Man musste eben hinhören.
Ansonsten war da Ausgleich, Mainstream, Mittelmaß in allem.

Beklagenswert auch die schwache Sprache.
Wulff kalauert schon mal: „Vor allem im Ausland fragten sich viele, ob das gut geht, wenn es ganz(!) Deutschland wieder gut geht.“
Oder, wenn es gefühlig werden soll: „Für all das sind wir unendlich dankbar.“
Daneben tief Gedachtes wie: „Das ist die historische Leistung der Menschen.“
Oder: „Vielfalt schätzen, Risse in unserer Gesellschaft schließen – das bewahrt vor Illusionen, das schafft echten Zusammenhalt.“
Oder: „Ein Verständnis von Deutschland, das Zugehörigkeit nicht auf einen Pass, eine Familiengeschichte oder einen Glauben verengt.“

Eine Festrede ist sicher nicht der Ort für ausgiebige Erörterungen. Ein bisschen gedankenvoller darf sie aber schon sein. Vor allem, wenn sie als Grundsatzrede angekündigt wird.
Da ist noch viel Luft nach oben, Herr Wulff.

Abschließend noch ein persönliches Wort zur deutschen Vereinigung. Einen Gewinn brachte sie unbestreitbar, nämlich den, dass diese Redekritik möglich ist, ohne zur Staatsaffäre zu geraten.

PS.: Kaum stand diese Kritik im Netz, las ich, das Wulff für den Satz "Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland." aus der Union kritisiert wird. Offenbar war er damit kühner als ich vermutete. Welches Deutschland hat ein Herr Bosbach im Kopf, der meint. "Zwar ist der Islam inzwischen Teil der Lebenswirklichkeit in Deutschland, aber zu uns gehört die christlich-jüdische Tradition."? Das sind doch mal feine semantische Linien. Spricht er von Christentum? Spricht er von Volk? Es wird Zeit für Laizismus in Deutschland.

_____________________________________________________________________________________________________






Kurze Film-Ausschnitte hier
Rede Gabriel


Fast zwei Stunden lang verfolgte Gabriel erkennbar die Absicht, seine Partei „links von der Mitte“ aufzustellen. Weite Passagen der Rede drehten sich darum, diese Position als vakant, aussichtsreich und in der SPD verankert darzustellen. Viele Zuhörer dürften das Gefühl gehabt haben, die SPD kehre wieder an ihren angestammten Platz zurück, den sie seit Schröder verlassen hatte.

Um seinen Genossen Mut zu machen für den Marsch zurück, wagt der Redner gleich zu Anfang eine Bauernfängerei. Kurz gefasst und auf den Kern reduziert lautet seine Logik: Wir sind nicht so tot, wie man uns vor einem Jahr vorausgesagt hatte, ergo sind wir putzmunter. Die Delegierten reagierten darauf etwas ungläubig. Wenig später fingen sie sich und feierten demonstrativ den „Wahlsieg“ von Hannelore Kraft in NRW.

Die Position künftige Position der SPD beschreibt Gabriel so:
„Mehrheiten links von der Mitte brauchen ein starkes und verlässliches Zentrum. Das weiß am Ende auch das aufgeklärte Bürgertum. Und deswegen kämpfen wir nicht gegen andere Parteien, sondern um ein neues gesellschaftliches Bündnis zwischen Arbeitnehmern und ihren Familien, aufgeklärten Bürgerinnen und Bürgern, Selbstständigen und kritischen Intellektuellen. Das ist die Voraussetzung dafür, dass unser Land zusammen gehalten und nicht immer mehr auseinander getrieben wird. Und das ist die Politik der SPD, die im Zentrum dieses Bündnisses steht.“
Spricht’s und fällt sogleich über „die“ her, die da regieren. Er tut das mit Häme, mit Ironie und mit Witz. Und er genießt es. Und sein Publikum mit ihm. Überhaupt kommt Gabriel immer am besten in Schwung, wenn er sich seine Gegner vorknöpft.

Um einiges dünner wird die Rede, wenn man sich fragt, was denn diese reklamierte Position konkret bedeuten soll. Da bleibt es dann doch bei sehr allgemeinen Appellen. Da bleibt es dann – wie gewohnt - bei einem Sowohl-als-auch, wenn auch einem kämpferischen. Mehrfach heißt es, die Partei „müsse sich um dieses oder jene kümmern“. Das würde die Kanzlerin vermutlich unterschreiben. Nur, wie es gehen soll, bleibt offen. Stattdessen bedankt sich der Redner bei einigen Mitstreitern für deren Bereitschaft, über bestimmte Probleme nachzudenken. Wohlgemerkt: Nicht für Ergebnisse bedankt er sich, sondern für die Bereitschaft, in Arbeitsgruppen mitzuarbeiten. Ist es so schwer, Leute dafür zu finden?

Bei der Beschreibung des „Markenkerns“ der Sozialdemokratie werden die altgedienten Schlagwörter bemüht: Gerechtigkeit und Freiheit. Auf diesem Allgemeinheitsniveau wird kein Unterschied zu anderen Parteien sichtbar. Wichtig wäre, zu erfahren, was genau darunter verstanden werden soll. Gabriels Antwort: „Wir müssen parteiischer werden.“
Prima! Aber parteiischer für wen? So kann man immer weiter fragen.
Hoffen wir, dass die Antworten bald sichtbar werden.
Immerhin sagt er, gegen wen es geht, nämlich die „wenigen, die ihren Herrschaftsanspruch immer mehr ausweiten wollen.“ Wer, zum Teufel, ist das? Wen meint er?
Macht man so einen Linksruck? Ohne jemandem weh zu tun? Wir werden es erleben.

Formal sind an der Rede vor allem die performativen Fähigkeiten des Redners hervorzuheben. Gabriel spricht sehr moduliert. Er raunt und schreit. Von allen Rednern, die ich bisher hier besprochen habe, hat er die meisten Register. Da gibt es das Register “Nachdenken“, das Register „Parole“, das Register „Engagement“ und das Register „Beschwörung“, um die wichtigsten zu nennen. Und wie ein Organist zieht Gabriel die Register - nach Belieben.
Das macht das Zuhören angenehm, öfters sogar unterhaltsam, hat aber auch einen unerwünschten Effekt.
Gabriel wechselt die Register so schnell und so mühelos, dass seine Glaubwürdigkeit in Gefahr gerät. Wer seine Stimme hebt, nur weil er sie heben kann, dem glaubt man schließlich die Leidenschaft nicht mehr, die durch die Lautstärke signalisiert werden soll. Am auffälligsten wird das immer dann, wenn der Redner aus dem leidenschaftlichen Fach übergangslos ins unaufgeregt sachliche wechselt. Da spürt man zu viel Absicht, zu viel Technik, zu wenig den Redner.

Gabriel ist wahrscheinlich kein braver Parteisoldat. Aber was ist er dann?


___________________________________________________________________________________________








Rede Lafontaine

Redekritik

Bei einer Parteitagsrede, die vom Fernsehen übertragen wird, stellt sich immer die Frage: An wen wendet sich der Redner? Spricht er zu den Parteifreunden oder zum Fernsehpublikum? Für Lafontaines Rede ist diese Frage besonders von Belang, attackiert er doch die üblichen Gemein-plätze. Wahrscheinlich hat er die Außenwirkung im Fokus. Andernfalls müsste er die Gemeinplätze seiner Genossen zwar auch heranziehen, dann aber Schlüsse aus ihnen ziehen. Also in etwa sagen: „Deshalb werden wir …“ Das tut er durchaus auch.
Überwiegend aber führt er Begriffe in die Debatte ein und nutzt sie für Angriffe auf den Meinungsgegner.

Drei Mittel fallen auf:
1. Er demonstriert wiederholt seine geistige Unabhängigkeit. Das beginnt in den ersten Minuten mit den Sätzen: „Ich bin oft gefragt worden, ob ich jetzt nicht mit Wehmut aus dem Amt scheide. Das ist für mich jetzt keine Kategorie, die mich im Moment besonders beschäftigt. (Im Protokoll weggelassen.) Mich erfüllt ein Gefühl der Dankbarkeit …“ Hier spricht er nur scheinbar von einer Kleinigkeit, denn Lafontaine etabliert damit den Gestus des Selbstdenkers, ja des Querdenkers. Ein Gestus, der sich durch die ganze Rede zieht.

2. Immer wieder legt Lafontaine wichtige Begriffe fest, indem er Definitionen gibt. Vorzugweise von Kampfbegriffen wie „Freiheit“, „Demokratie“, „Demokratischer Sozialismus“. Die so definierten Begriffe werden als sinnvoll und erstrebenswert dargestellt und anschließend als Brückenköpfe für Angriffe auf den Meinungsgegner genutzt.
Das funktioniert an mehreren Stellen sehr gut. Manchmal kommt dabei aber auch Ungereimtes heraus. Wenn nämlich die Unterscheidungen haarspalterisch ausfallen wie bei dem Satz: „Das heißt, die Mehrheit kann sich zwar durchsetzen, sie darf aber nicht der Minderheit ihren Willen aufzwingen.“ (???)

3. Der Redner betont bei seinen Begriffsdefinitionen immer wieder, wie einfach und einleuchtend seine Begriffe doch seien. Auch dies eine Methode, das Publikum auf einen passenden Gemeinplatz zu locken, von dem aus die gewünschten Schlussfolgerungen leicht zu ziehen sind. Beispiel: „Wir wollen den demokratischen Sozialismus. Und wir können auch sagen, was wir damit meinen. Das ist gar nicht so schwer. …“

Lafontaine führt den Kampf um seine Ideen überwiegend als Kampf um Begriffe. Das ist klug. Das ist seit jeher die Kampfmethode der Außenseiter, der Underdogs. Und es zeigt Wirkung, die die Etablierten – Journalisten eingeschlossen – nicht wahrhaben wollen. Dazu kommt, dass er das verbreitete Technokratendeutsch meidet und meistens plan spricht. Er „nennt die Dinge bei Namen“, die auch die Plebs versteht. Auch darin ein Nachkomme der römischen Volkstribunen.

Als solcher glättet auch schon mal das Sperrige, wo Nachdenklichkeit gut getan hätte, zum Beispiel wenn er die Linke in die Geschichte einordnet: Für mich war der demokratische Sozialismus immer eine Bewegung hin zur menschlichen Freiheit, hin zur Freiheit eines jeden Einzelnen. Deshalb steht er in einer großen historischen Tradition. Ich nenne mal die Sklavenaufstände in Rom, ich nenne die Bauernkriege im Mittelalter, ich nenne die Französische Revolution, ich nenne die Novemberrevolution 1918 … und ich nenne auch die friedliche Revolution 1989. In dieser Freiheitstradition steht der demokratische Sozialismus, stehen wir alle.“
Auf diesem Lafontaineschen Weg vom Ich zum Wir wird eine Meinung zu einer Faktenbehauptung. Das ist schlicht unzulässig, auch wenn sie dem Redner in den Kram passt. Obendrein ist die Beschreibung der Tradition höchst beliebig und selektiv. Ich vermisse den schlesischen Weberaufstand 1844, die Schlacht am Little Bighorn 1876 und den Herero-Aufstand 1904. Zum Beispiel.
Am meisten aber vermisse ich die DDR-Tradition der Partei.
Lieber Herr Lafontaine, niemand kann seine Realtradition, seine Abstammung einfach ausradieren und durch eine Idealtradition ersetzen. Selbst dann nicht , wenn ihm peinlich ist, woher er stammt.

In den Sachfragen laufen viele Vorschläge Lafontaines darauf hinaus, die neoliberalen Entwicklungen wieder rückgängig zu machen, zu „re-regulieren“. Ob dieser Blick zurück die ganze Lösung zeigt, darf getrost bezweifelt werden. Immerhin aber zeigt er, dass vieles von den als „alternativlos“ dargestellten „Erfordernissen der Globalisierung“ schlichtes Menschenwerk sind und als solches natürlich korrigierbar. Dass Lafontaine seinerseits seine Sicht als einzig richtig und quasi alternativlos bezeichnet, wer will ihm das in einer Parteitagsrede verübeln?
Schon der Tatbestand, dass sich zwei unterschiedliche Auffassungen (Sagen wir mal: Westerwelle und Lafontaine.) als jeweils alternativlos gegenüberstehen, ist ermutigend. Weniges führt die Existenz von Wahlmöglichkeiten klarer vor Augen als zwei widersprechende Alternativen, die sich als alternativlos präsentieren. In dieser Durchbrechung der allgemeinen geistigen Eintracht der Eliten liegt vielleicht die Stärke Lafontaines; möglicherweise sogar der Linken.

Zwei Anmerkungen noch zum Redner Lafontaine.
Da ist der Vortrag. Ach, der Vortrag! Sehen Sie sich einmal an, wie Lafontaine erklärt, wie es zur Krise des Euros kam und was zu tun ist. So knapp und so klar wurde mir bis dahin noch nie das Problem geschildert.
Und auf noch ein kleines Bravourstück der Beredsamkeit will ich hinweisen. Sein Wirtschaftsprogramm beschreibt Lafontaine mit drei Buchstaben: KFW. Selbstredend gibt er schnell die Auflösung. Aber nicht ohne die Kreditanstalt für Wiederaufbau zu erwähnen und nicht ohne auf die Aura des Wortes „Wiederaufbau“ zu schielen.

Fazit: Solch ein Redner ist für seine Partei Gold wert. Jetzt geht er in Rente und man wird sehen, wie sich die Neuen schlagen.




Redekritik

 „Wir machen es besser als die anderen!“  könnte über den Reden stehen, die Guido Westerwelle im Januar 2010 gehalten hat. Fast alle seine Argumente sind Argumente ad personam. Mustergültig demonstriert beim Thema „Experten schlagen vor, die Mehrwertsteuer zu erhöhen“ (s. Video).  Die anderen haben es verbockt; sie kritisieren ihn, wenn er etwas tut und auch, wenn er es lässt etc. Es klingt gelegentlich so, als kenne er Kritik nur als Mittel des Wahlkampfes, aber nicht als Anregung, die einen Diskursteilnehmer irritieren könnte. Jedenfalls nicht ihn. Er steht da drübber.
 
Dies wiederum verwundert nicht, wenn man hört, wie er – heute wie gestern - sein Mantra aufsagt. Es ist zweistufig und lautet: „Leistung muss sich (wieder) lohnen!“  Deshalb (2. Stufe): „Steuern runter! Weniger Staat! Verantwortung des Einzelnen!“ Das neue Etikett auf dem alten Wein verkündet die „geistig-politische Wende“. Worin die Umkehr oder wenigstens Richtungsänderung bestehen könnte, die im Wort „Wende“ mitgedacht sind, hat sich mir nicht erschlossen. Weder geistig noch politisch. Ich kann mich nämlich nicht erinnern, von der FDP jemals eine andere Botschaft vernommen zu haben.
 
Nun könnte die Botschaft ja trotz Mogeletikett richtig sein. Dann müssten sich Argumente dafür finden lassen.
Die hören sich bei Westerwelle so an:
„Die ganz normalen Bürgerinnen und Bürger können sich allzu oft das Leben in Deutschland nicht mehr leisten. Die streben nicht nach Reichtümern, sondern nach einem vernünftigen Leben für sich und ihre Familien …
Die Mittelschicht muss gestärkt werden. Die kleinen und mittleren Einkommen müssen deswegen entlastet werden.
Der Mittelstand ist das Rückgrat unserer Wirtschaft.“
Westerwelles Ideologie in der Nussschale: Nicht die Kleinheit der kleinen Einkommen  ist die Ursache für das Absinken der Mittelschicht, sondern deren Besteuerung.

Bei meinem nächsten Punkt weiß ich nicht: Ist sie Schlamperei oder Methode – die Gleichsetzung von Mittelschicht und Mittelstand? Zur Mittelschicht zählt Westerwelle in einer anderen Passage die Kassiererin im Supermarkt. Zählt er sie auch zum Mittelstand? Vermutlich nicht, denn der schafft Arbeits- und Ausbildungsplätze und das traue ich einer Kassiererin bei Lidl einfach nicht zu. Eher ist es eine bequeme Methode, sich die Argumentation zu erleichtern, wer etwas für den Mittelstand tue, der tue auch etwas für die Mittelschicht.
Lieber Herr Westerwelle, ich stimme Ihnen ja zu: Steuerpolitik ist Gesellschaftspolitik. Dass Sie allerdings anscheinend auch die Umkehrung für richtig halten, finde ich traurig. Gesellschafts-politik ist mehr als Steuerpolitik.

Mit dem Logos der Rede steht es also so lala. Darunter leidet auch das Ethos des Redners. Er gibt den unerschrockenen Klarsteller und mutigen Klartext-Redner und sagt das auch laut. Aber gerade weil er sehr gut mit Sprache umgehen kann, erwartet man Klarheit auch in Sachfragen und die bleibt auf der Strecke. Übrig bleibt der Eindruck von klugscheißerischem Theaterdonner nach dem Motto: Woll‘n wir doch mal zusehen, dass wir ´ne ordentliche Performance hinkriegen. Die Rede als Verkaufsveranstaltung mit der Glaubwürdigkeit eines Teppichverkäufers. Außerdem mischt sich unbeabsichtigt zu viel Polit-Sprech in die Formulierungen.

Westerwelle investiert mehr Mühe in die Form seiner Reden als in den Inhalt. Den kennt er von Kindesbeinen (s.o.). So lässt sich auch verstehen, dass das Pathos so wenig ergreift, obwohl der Redner große Worte wählt, Bilder, Vergleiche, Wiederholungen einsetzt. Er hat sogar Mut zur großen Geste. Achten Sie auf Körperhaltung und Blick im ersten Teil des Videos, wenn er die Freiheit anruft.
Alle diese Wirkungsverstärker nützen nichts, weil keine Idee sichtbar wird. Denn nicht nur Westerwelle kennt sein Mantra seit Kindesbeinen, sondern wir auch.




Neujahrsansprache der Kanzlerin
 


Alle Jahre wieder sitze ich am Silvestertag vorm Fernseher und lausche meiner Bundeskanzlerin. Heuer schon zum fünften Male, wie sie sagte. Ich selber habe nicht gezählt. Es fällt mir immer schwerer, nicht zynisch zu werden, angesichts der Abwesenheit von Inhalt und der Lieblosigkeit der Form. Deshalb ist dies meine letzte Redekritik einer Neujahrsansprache von Frau Merkel. Nächstes Jahr mache ich es wie die meisten: Ich höre gar nicht hin.
So weit ist es noch nicht.
Also:

Frau Merkel bedient sich der einfachen Stilart, redet also scheinbar so, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Es ist der hausfrauliche Schnabel der Mutter der Nation, die beim Brötchen holen mit den einfachen Leuten spricht - plan, ohne Kunst und floskelhaft.
Sie hält sich nicht an die Empfehlung von G. C. Lichtenberg: Die Gedanken dicht und die Partikeln dünne! Weder sind die Gedanken dicht, noch sind die Partikeln dünne. Im Gegenteil.
Das Ergebnis sind solche Sätze:
"Denn der heutige Abend weckt bei mir unmittelbare(?) Erinnerungen, und zwar an Silvester vor genau 20 Jahren. Das habe ich gemeinsam mit meinem Mann in Hamburg gefeiert."
Das ist umgangssprachlich tolerierbar, in einer ausgearbeiteten Rede ist es nur pedantisch. Alles wie gehabt.

Der Vortrag rettet manches. Darauf wurde offenbar in der Vorbereitung besonderes Gewicht gelegt. Er ist immer noch salbungsvoll – Oh, wie sie gestaltet! Das ist souveräner als früher, allerdings immer noch hoffnungslos überbetont. Und nicht immer sinngerecht. Das ist kein Sprechdenken, das ist Vorlesen vom Teleprompter.

Inhaltlich geht es - natürlich - nicht ohne Bezug zum Super-Jubiläum 2009 ab. Da rutscht Frau Merkel ein Satz heraus, der verräterischer kaum sein könnte:
"Ohne den Mauerfall wäre mein Leben wie das aller DDR-Bürger völlig anders verlaufen."
Kann man deutlicher ausdrücken, dass sich für unsere westdeutschen Mitbürger nichts geändert hat? Frau Merkel ist eben von Anfang an in die (alte) Bundesrepublik gegangen. Und sie weiß das. Anders lautende Statements sind Sonntagsreden.

Wie man mit Floskeln danebenhauen kann, zeigt der folgende Ausschnitt:
"Mein erstes Silvester in Freiheit nach 35 Jahren meines Lebens in der DDR - es war einmalig. (Stimmt, es gibt tatsächlich kein zweites Mal für das erste Mal!) Es war wunderbar. Schon wenige Monate später, am 3. Oktober 1990, war unser Land in Freiheit wieder vereint. Daran denke ich heute Abend."

Damit bin ich schon bei Merkels Mantra: Der Kraft der Freiheit.
"Es war die Kraft der Freiheit, die die Berliner Mauer zu Fall gebracht hat. Und es ist diese Kraft der Freiheit, die uns heute Mut für das neue Jahr und das nächste Jahrzehnt machen kann."

"Die Kraft der Freiheit und die Erfahrung des Miteinanders, 60 Jahre Grundgesetz und 20 Jahre wiedervereintes Deutschland - das zeigt: Unser Land hat schon ganz andere Herausforderungen bewältigt."
Geht es eigentlich noch trockener und nebelhafter? Und noch schiefer? Denn offenbar sind nach Merkels Auffassung 60 Jahre Grundgesetz eine ganz andere Herausforderung als die gegenwärtige Wirtschaftskrise und das hat unser Land schon bewältigt. Wie ist das bloß gemeint??

Den Rest der Ansprache überspringe ich und komme zu dem, was für mich die Kernbotschaft der Rede ist, das, was ich mit in das neue Jahr nehme:
Es wird schon werden; mit der Kraft der Freiheit.
 
Hören Sie selbst, lesen Sie selbst, urteilen Sie selbst!

_______________________________________________________________________________________



Rede von Werner Schulz
Auszüge aus der Rede (ca. 6 Minuten)


„Fulminant“ ist die häufigste Vokabel, mit der die Rede von Werner Schulz am 9. Oktober in Leipzig qualifiziert wird. Die Wortwahl spiegelt wohl die Verblüffung darüber, dass es da einer unternimmt, etwas zu sagen, was eigenem Nachdenken entspringt und nicht lang eintrainierten Wortreflexen.
Auch diese Rede zeigt die Absurdität der verbreiteten Meinung, es käme in erster Linie auf die Körpersprache an. Schulz wirkt angespannt, liest überwiegend ab, verhaspelt sich schon mal  und - hält eine gute Rede. Natürlich weiß er, was er sagt und spricht sinnstützend. Und er meint, was er sagt.
Und wie er es sagt! 
Zitate, Bilder, Metaphern, Anspielungen, Beispiele als Belege, überwiegend Umgangssprache, unter anderem das schöne Zeugma:  „ Es war eine Revolution, bei der Kerzenwachs und kein Blut floss.“  Nur ganz selten rutscht ihm Politiker-Sprech heraus. Das war es aber nicht allein und auch nicht in erster Linie, was die Rede so stark machte. Dies ist etwas Übergreifendes, das schwerer zu fassen ist als die rhetorischen Figuren.

Entscheidend ist: Schulz legt aus unabhängigem Denken die Ereignisse von 1989 aus.
Er legt sie aus als Revolution und betont die Rolle der Demonstranten. Staaten implodieren nicht, sie werden abgeschafft!
Er rückt Bilder gerade, wenn er sagt, „die Forderungen nach Freiheit und Selbstbestimmung (standen) im Mittelpunkt der Ereignisse.“  Damit hat er eine Formulierung gefunden, mit der sich wahrscheinlich viele Leipziger identifizieren können. Immerhin hat die Stadt Leipzig lieber den 9. Oktober groß gefeiert als den 3. „Freiheit“ war das erste Ziel, „Einigkeit“ kam später.

Die Rede ist klüger als der Redner. Sie hätte einiger gefälliger Wortspiele nicht bedurft, die mir aufgesetzt und läppisch wirkten. Als wollte der Redner der Feierlaune des Publikums das eine oder andere Türchen öffnen. Die Reaktionen jedenfalls sprechen Bände.
Und: Wie viel Ironie steckt wirklich in dem Satz: „…, liebe Angela Merkel, es müsste doch zu machen sein, dass die letzte verbliebene Volkspartei hier dem Volk entgegenkommt.“?
Schulz  - und das macht die Rede bemerkenswert – schwenkt nicht das Weihrauchfass über einem allseits ausgemachten, wohlfeilen Gedanken. ("Die Einheit war ein Glück." oder "Die Mauer in den Köpfen muss weg." etc.) Er erreicht so etwas wie Sinngebung entgegen dem Mainstream. Er reklamiert die Revolution als Leistung, die ins Heute weist.
Der stärkste Satz der Rede ist kurz. Er kommt am Schluss und ist bestens vorbereitet: „Wir war’n nicht das Volk – sondern wir sind das Volk.“ Da klingt es schon fast wie eine Warnung.

________________________________________________________________________________________



Merkel vs. Steinmeier
  Zwei Ausschnitte aus dem TV-Duell


Die Meute gab sich enttäuscht; das Duell zwischen Merkel und Steinmeier verlief sachlich und respektvoll. Die Kontrahenten weigerten sich erfolgreich, auf das Niveau der Interviewer herabzusteigen. Die mühten sich um Krawall, bekamen ihn aber nicht. Ein sympathischer Zug bei beiden.
 
Was ist rhetorisch anzumerken?
Konnten die Kandidaten die Unterschiede zum jeweils anderen deutlich machen, mit denen die Wähler ihre Entscheidung begründen können?

Um mit der zweiten Frage anzufangen: Sie mühten sich redlich, sehen die Lage und die Handlungsoptionen aber offensichtlich zu gleichlaufend, als dass sie sich scharf gegeneinander abgrenzen könnten. (Allen, denen das zu langweilig ist, sei gesagt, dass in der Wissenschaft eine Auffassung als gesicherter gilt, wenn zwei Forscher beim gleichen Gegenstand zu gleichen Ergebnissen kommen.)
Für die Wirkung beim Publikum bleibt dann aber nur übrig, die kleinen Differenzen scharf herauszustellen und ihnen durch klare Ansprache Gewicht zu verschaffen.
Das gelang alles in allem Steinmeier besser als Merkel.
Letztere dürfte immer dann gepunktet haben, wenn sie auf die Situation einging. Der erste Abschnitt des Videos zeigt eine solche Gelegenheit. Sie bewegt sich mit ihren Darlegungen konzeptionell auf der Höhe der Frage und der Krise. Ihr Kampfbegriff heißt „Neue Soziale Marktwirtschaft“. Dessen Inhalt bleibt zwar im Nebel, er knüpft aber  sprachlich an „New Labour“ und „New Economy“ an. Die angestrebte Konnotation dürfte sein: Jetzt machen wir mal was Neues! – Aber vorsichtig.
Merkel dient mit Definitionen, die griffig, eingängig und stimmig sind. „Der Staat ist der Hüter der Ordnung.“ ist einer dieser Sätze. Das merkt sich gut, das bleibt hängen, das leuchtet ein. Balsam für die Seelen der deutschen Exportweltmeister ist wahrscheinlich auch die Forderung nach dem „Export der Sozialen Marktwirtschaft“, obwohl der genauso zweifelhaft und aussichtslos sein dürfte wie der Export der Demokratie nach Afghanistan.
In dieser Phase wirkt Merkel authentisch, engagiert und – wie gesagt - auf der Höhe der Aufgabe. Steinmeier versucht, mit Popularpsychologie zu kontern und moralischen Überlegungen. Das ist zu wenig.

Die Verhältnisse kehren sich um in den Schlussworten. Hier ist Steinmeier strukturiert und deutlich. Er malt „Schwarz-Gelb“ als Gespenst an die Wand und liefert drei Gründe, dieses Gespenst nicht zu wählen. Die kommen leicht fasslich daher und knüpfen an das Gerechtigkeitsempfinden und die Vergeltungs-wünsche breiter Schichten an. Noch immer einte es die Leute, wenn sie einen Schuldigen bestrafen konnten. Mehr aber zählt, dass Steinmeier griffig benennt, wogegen er ist.
Danach nennt er drei Punkte, die Gründe sein können, ihn zu wählen: Mindestlohn (Das Wort selbst fällt nicht!), einheitliches Gesundheitswesen, Ausstieg aus der Atomenergie. Wieder wird so formuliert, dass die Hörer dazu Position beziehen können. Dies wird dem Redner in der Regel positiv angerechnet. Durch die Wiederholung des Satzanfanges wird die Strukturierung noch betont und eindringlicher gemacht.

Auch Merkel verwendet die Anapher. „Wir wollen…“ setzt sie drei Mal an. Was sie will, bleibt jedoch viel allgemeiner und verwaschener als bei Steinmeier. Beim Thema „Familie“ verliert sie sich gar im Gestrüpp der Generationen. Sie wiederholt abgegriffene Gemeinplätze und gerät in den landesmütterlichen Ton ihrer Podcasts. Merkel setzt auf ihre Glaubwürdigkeit (Ethos). Sie benennt Handlungsfelder, sagt aber nicht, welche Lösungen sie sieht. Außer natürlich der „Sozialen Marktwirtschaft“. Das wirkt beliebig und austauschbar.

Natürlich waren diese Statements sorgfältig vorbereitet. Steinmeiers Team hat zum Schluss die Akzente gesetzt. Kaum etwas fällt rhetorisch so ins Gewicht, wie ein starker Abschluss, eine starke "message to go". Also: Sieg für Steinmeier auf der Zielgeraden.
Die Zahlen der Forschungsgruppe Wahlen bestätigen das. Von den unentschiedenen Wählern sahen 34% Steinmeier als Sieger, nur 18% sahen Merkel vorn.
Für die Wahl bedeutet das natürlich nichts.




Seehoferrede.wmv
Hier gibt es rund 6 Minuten Rede.


So familiär geht es nicht zu auf den Parteitagen der anderen. Da hat die CSU schon ihren eigenen Stil. Man kennt sich halt.
Wie schon Merkel und Steinmeier redet auch Seehofer in der einfachen Stilart. Er spricht direkt  und verzichtet fast völlig auf rhetorische Schmuckformeln. Die wenigen Vergleiche und Metaphern wirken einstudiert, der Redner stolpert mehr oder weniger durch diese Passagen, so dass sie nicht zur Wirkung kommen. Blumige Sprache ist Seehofers Sache nicht. Seine Stärke ist eine gewisse schneidige Deutlichkeit, vor der er gelegentlich selber erschreckt.
Die Vortragsweise ist routiniert selbstbewusst und sachlich bis nüchtern. Seehofer kommt – für seine Verhältnisse – immer dann in Schwung, wenn es um konkrete Sachthemen geht: Den Einfluss Bayerns auf die Bundesrepublik und die EU, Steuersenkungen und Schulformen etwa. Da kommt ein bisschen Stimmung auf.
Öfters jedoch habe ich den Eindruck, dass kein Funke überspringt, dass Seehofer vom Publikum nicht getragen wird. Zeigt die Kamera Gesichter von Zuhörern, dann wirken die oft abwesend oder anderweit beschäftigt. Ein mitgehendes Publikum sieht anders aus.

Aber noch ein Wort zum Stil. Wer schlicht redet und auf Figuren verzichtet, der muss seine Rede mit anderen Mitteln stark machen. Eine solche Rede verlangt Witz (im Sinne von Verstand) und schreit förmlich nach sprachlicher und logischer Klarheit. Beides scheint auf in dem Abschnitt über die Wirtschaftspolitik und den Fall „Quelle“. Argumentierend auch der Ton beim Thema „Europa“. In beiden Fällen lassen die Begründungen aber jene Schärfe und Klarheit vermissen, die den Verstand so begeistern, dass daraus Gefühle erwachsen. Wenn er anders das Gefühl schon nicht erreichen kann oder will.
Daran ändern auch die vielen lobenden und dankenden Namensnennungen nichts; jenes taktische Mittel, das meinen ersten Eindruck von der Rede dominierte. Durchschaubar, unmotiviert und für den Außenstehenden enervierend schwenkt Seehofer den Kessel der Selbstbeweihräucherung über der Versammlung seines Clans.
Eine paternalistische Geste, mit der er wohl hoffte, die Partei hinter sich zu bringen. Überhaupt klingt Seehofer an viele Stellen wie ein Familienoberhaupt, das seine Stellung vor einer Schar Spätpubertierender rechtfertigen muss: Noch ist er mächtig, aber er spürt den Vertrauens-schwund.

Seehofer ist ja nun kein Kanzlerkandidat. Dadurch ist er etwas freier in Themenwahl und Ausdruck als etwa Merkel und Steinmeier.
Das nutzt er für drei Signale.
Das erste geht an seine Partei. Er wirbt für sich als Parteivorsitzender und Ministerpräsident („Freilich hat er Schwächen, aber er is scho a rechter Hund, der Seehofer.“
Das zweite Signal geht nach Berlin und an das Wahlvolk. Es lautet: Von der CSU lernen heißt siegen lernen! Danach wäre vieles gewonnen, wenn Bundesregierung und EU nachmachten, was ihnen die CSU respektive Bayern vorgemacht haben.
Des Wahlsieges offenbar sicher, bringt Seehofer drittens schon einmal die Geschütze in Stellung für den Kampf nach dem Sieg – den mit Merkel und der CDU.
Möglich, dass die Bayerischen Wähler das alles verstehen und honorieren. Nach Aufbruch oder Erneuerung klingt es allerdings nicht.
Wird aber nicht ins Gewicht fallen, bei dem Zustand der SPD.

_____________________________________________________________________________________







RedeMerkel
Auszüge aus der Rede gibt es hier.


Die Inszenierung hätte kontrastierender kaum ausfallen können. Hatte der Wahlkampfauftakt der SPD unübersehbar Anleihen bei den Nominierungsparteitagen in den USA genommen, so lehnte sich die Konferenz von CDU/CSU an die Usancen wissenschaftlicher Tagungen an.
Der Main Act Angela Merkel trat nach der Vorband Horst Seehofer auf. Die Chefin überlies das Gefühlige weitgehend ihrem Vorredner und baute ihre Rede rational-diskursiv auf. Frau Merkel arbeitet an ihrem Image als uneitle und denkende Wissenschaftlerin. Mehr als einmal weist sie darauf hin, dass es sinnvoll sei zu denken, bevor man handelt. Abgesehen von vereinzelten Anaphern verzichtete sie weitgehend auf rhetorischen Redeschmuck. Ihre wesentlichen Mittel sind Strukturierung und Enthymem (rhetorische Schlussfigur). Sie redet überwiegend sachorientiert mit dem unterliegenden Raster „Ausgangssituation – Zielvorstellung – passende Maßnahme“. Wie haltbar die einzelnen Ableitungen sind, das soll hier nicht erörtert werden, die Opposition rennt natürlich schon dagegen an. Die Häufung der Enthymeme vermittelt jedenfalls den Eindruck: Die Frau weiß, wovon sie spricht. Nach und nach werden die Reaktionen der Zuhörer denn auch zustimmender. Man beachte den Komparativ! Es entsteht bestenfalls die Stimmung der ruhigen Entschlossenheit – hingerissen ist anders.

Inhaltlich bietet die Meisterin des Ungefähren überwiegend Bekanntes. Einige Formulierungen lassen die Hoffnung schwinden, Frau Merkel und ihre Strategen könnten von der Krise zum prinzipiellen Umdenken angeregt werden. Da finden sich allenthalben die alten, die vorkrislichen Muster mit der Patentlösung Wachstum.
„Es wäre doch ganz falsch, das Richtige und Notwendige für Wachstum nicht mehr zu tun …“
„Deshalb fragen wir: Was schafft Wachstum? Das ist der Treiber unseres Programms.“
„Diese Frage ist damit verbunden, dass wir Wachstum brauchen.“
Neu ist das nun wirklich nicht. Und
„Vorbei ist sie (die Krise), wenn wir wenigstens wieder da sind, wo wir waren, bevor sie begann.“
Ich fürchte, da werden wir auch wieder landen: Vor der Krise.

Ihre rednerisch starken Momente hat Frau Merkel, wenn sie ihren Abstrakt-Sprech verlässt, zwei Stil-Ebenen tiefer greift und sich hemdsärmelig an den gesunden Menschenverstand wendet, wenn sie Ausdrücke verwendet wie: „Dampf machen“ oder „rackern“.
Sie hat sichtbar an der Gestik gearbeitet. Zu ihren Standardgesten treten öfters wirklich illustrierende Bewegungen. Das tut dem Vortrag gut.

Eine schlechte Angewohnheit teilt Frau Merkel mit anderen deutschen Politikern: Sie klappt gern einen belehrenden/erklärenden/einordnenden Satz nach, wo das nicht nur unnötig ist, sondern sogar stört. Das sind Sätze wie: „Und das ist unsere Philosophie.“ oder „Das ist eine der Voraussetzungen für …“
Aber nicht nur der Nachklapp verhindert Schwung. Die Rednerin traut sich kaum eine Aussage ohne relativierenden Einschub stehen zu lassen, sozusagen ohne Zwischenklapp. Auch dazu ein Beispiel:
„Das Konjunkturprogramm, was wir richtigerweise gemacht haben, anders würden wir heute schon viel schlechter dastehen, das war natürlich auch finanziert mit Geld, das wir eigentlich nicht haben.“

Fragen wir nach der Wirkung:
Erreichte sie die Anwesenden? Ich denke, ja.
Kam Schwung in die Versammlung? Eher nicht.
Ist das der Ton, mit dem man Wähler mobilisiert? Wohl auch nicht. Da klingt der Appell der Kanzlerin schon einmal so: „Alle sind herzlich eingeladen, ihren Beitrag für unser Land zu leisten.“
Na, wenn das so ist.

Die Union läuft Gefahr, sich zu früh als Sieger zu fühlen. Vieles spricht für sie, aber sicher ist der Wahlsieg nicht. Dazu wäre wohl eine rhetorische und begeisternde Unterfütterung des Slogans nötig. Der lautet in deutlichem Anklang an Obama ziemlich hüftsteif: „Wir haben die Kraft.“ (Mit Punkt, wenn ich richtig gesehen habe!)
Wirklich? Wir werden sehen.

___________________________________________________________________________



 

Steinmeier-Rede
Hier gibt es die letzten vier Minuten der Rede.

Hier geht es zum Redetext.


Die Parteitagsregie sah Zustimmung und Jubel vor und beides fuhr der Kanzlerkandidat bei seiner Rede auf dem Sonderparteitag auch ein.
Steinmeiers Ziel war klar: Er musste die gedemütigte SPD aufrichten und den Glauben an die Gewinnbarkeit der Bundestagswahl in ihr erwecken. Und er musste wohl auch Bedenken zerstreuen, ob er der richtige Kandidat ist. Also gab er sich kämpferisch.
Dazu benutzte er im Wesentlichen drei Mittel.
1. Er schrie den größten Teil der Rede heraus (Was hierzulande wohl als kämpferisch gilt, im Übrigen aber in seltsamem Gegensatz zur oft sichtbaren entspannten Beinhaltung stand.)
2. Er beschimpfte CDU und FDP und sagte seinen Genossen in vielen Umschreibungen, sie seien die Guten im Gegensatz zu denen.
3. Er reklamierte das „starke Herz der Regierung“ für die SPD-Minister und die Initiative für „alles, was dieses Land vor der Krise gestärkt und in der Krise zusammengehalten hat“. Wer hat’s erfunden? Die SPD! (Hat bei der SPD eigentlich schon jemand bemerkt, dass die Wähler offenbar andere Zuschreibungen vornehmen? Hat gar einer Schlussfolgerungen daraus gezogen?)

Steinmeier stellt fest, dass die Bundestagswahl eine Richtungswahl werden wird. Dazu passend stellt er fünf Richtungsfragen, an denen er in der Folge das konzeptionelle Denken und die Führungsstärke der SPD demonstrieren will. Leider ist keine davon als Frage formuliert. Und keine davon ist geeignet, die SPD vom politischen Gegner abzuheben. Jede der erhobenen Forderungen könnte Frau Merkel unterschreiben und sie wird sie im Laufe des Wahlkampfes vermutlich auch noch unterschreiben. Bei der Behandlung der Fragen geht Steinmeier über Gemeinplätze kaum hinaus. Das ist Feel-good-Rhetorik für die Parteibasis, aber keine wirkliche Ertüchtigung für streitbare Auseinandersetzungen z.B. mit zweifelnden Wählern.

Stilistisch drängen in den Vordergrund die Figuren der Anapher (Wiederholung des Satzanfanges), der Epipher (Wiederholung des Satzendes) und Ellipsen (Satzverkürzungen). Die beiden Figuren der Wiederholung sind klassische Mittel zur Steigerung der Eindringlichkeit – wenn man sie nicht totreitet. Gerade dies passiert in der Rede aber mehrere Male: Die Figur wird zu Tode strapaziert. Da hätte man den Verfassern mehr Gefühl für Rhythmus gewünscht.

Einen kritischen Punkt seiner Rede spricht Steinmeier selbst an: „Es gilt der alte Satz: Nur wenn wir selber überzeugt sind, können wir auch andere überzeugen.“ Stimmt! Es gibt aber noch einen anderen alten Satz: Die Leuten reden am meisten von dem, was sie nicht haben.
Immer wieder flicht er in den Text Formulierungen ein wie:
„Dieses Land – ich weiß das – das ist kein Land der Egoisten …“
„Es gibt eine Mehrheit – da bin ich mir sicher – für…“
„Wir haben die richtige Antwort auf die Krise – ich bin fest davon überzeugt….“
Wieso glaubt Steinmeier, seinen Aussagen solche Begleiter geben zu müssen?

Zusammenfassend:
Hat Steinmeier die Herzen der Delegierten erreicht? Ich denke, ja. Zumindest immer dann, wenn er ur-sozialdemokratische Werte einklagte oder beschwor.
Hat er die Genossen argumentativ für das Gespräch mit den Wählern ertüchtigt? Das bezweifle ich.
Schon die Überschrift der Rede ist so markig wie nichtssagend. Stellen Sie sich vor, Sie fragten in einer fremden Stadt nach dem Weg zum Bahnhof und der Gefragte antwortete Ihnen, Sie bräuchten „Führung, Klarheit, Richtung“. Vermutlich würden Sie sagen: „Das glaube ich gern.“
Aber würden Sie ihn wählen?

___________________________________________________________________________


Hier gibt's den Film.

Hier geht's zum Redetext


In zwei Punkten unterscheidet sich die Redesituation des Bundespräsidenten bei seiner Berliner Rede von der des US-Präsidenten bei dessen Amtseinführung:
1. Horst Köhler kann zwar etwas sagen, aber er kann - im Unterschied zu Obama - nichts bestimmen.
2. Köhler spricht vor ausgewähltem Publikum und nicht quasi vor dem Volk - oder wie man in Deutschland so mutlos sagt: der Bevölkerung.

Aus dem ersten Grund könnte er deutlicher werden als die Inhaber der Handlungsmacht und aus dem zweiten Grund könnte er anspruchsvoller werden als ein Volksredner.
Was macht der Bundespräsident daraus?
Nichts! Oder nicht viel.
Über die Motive müsste ich spekulieren und lasse es deshalb. Woher aber die Verwaschenheit rührt, die sich durch die Rede zieht, das kann man am Redetext prüfen.

Schon der erste Satz hebt an in einem Mischmasch aus Beamtendeutsch und Pfarrers-Ton:
"Ich will Ihnen eine Geschichte meines Scheiterns berichten."
Der Redner personalisiert und kündigt den pathetischen Zuschnitt der Rede an. Und setzt sich stilistisch zwischen die Stühle. Einerseits will er bei "Geschichte" und "Scheitern" bleiben, andererseits aber natürlich nicht als komplett gescheitert dastehen. Deshalb behilft er sich mit dem unbestimmten Artikel "eine Geschichte", um den persönlichen Ton von "meines Scheiterns" retten zu können. Resultat: Der Satz klappert. Warum sagt er nicht einfach: Ich will ihnen eine Geschichte des Scheiterns erzählen.?

Was dann folgt, ist eine Kette von Kurzsätzen mit den Satzgliedern konsequent in der Stellung S-P-O. Entsprechend asthmatisch wirkt der Text. Zwingende Gedankenführung entsteht auf diese Weise nicht. Stattdessen werden Gemeinplätze nebeneinander gestellt, die den Diskurs ersetzen sollen.
Ein kleiner Ausschnitt zum Beleg:
"Nehmen wir uns deshalb die nächste industrielle Revolution bewusst (nicht unbewusst wie bisher?) vor: diesmal die ökologische industrielle Revolution. Dafür (für die Vornahme?)gute Voraussetzungen zu schaffen, verlangt ein intelligentes Zusammenwirken von Markt und Staat. Und die Verbraucher können wach und kritisch sein. (Ist es erlaubt? Sind sie dazu fähig? Oder meint er, sie sollten?) Wir brauchen ein gesellschaftliches Klima der Innovationsfreude und ein starkes ökologisches Bewusstsein.
Das ist nicht nur eine Aufgabe der Wirtschaft.
(War sie das je?) Es ist eine kulturelle Herausforderung. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. So sah es auch Ludwig Erhard. (Ach, der war das!) Wohlstand war für ihn  nicht Selbstzweck. Wohlstand war und ist auch heute Grundlage für ein Leben, das darüber hinausweist." (So philosophieren Buchhalter.)

Wer schreibt ihm nur solche Sätze?
Woher der Drang, banale Gemeinplätze mit Autoritäten abzusichern, gar die Bibel mit der Erwähnung Ludwig Erhards zu stützen?
Fazit: Kann er "Pathos", wie BILD schreibt?  Kann er nicht!
Mehr Mut zum klaren Wort und Sensibilität für die Sprache könnten manches reparieren.
Dies täte auch den Passagen gut, in denen sich Horst Köhler weiter als sonst nach vorn wagt.

Denn auf Unschärfe wird unscharf reagiert. So zitiert N24.de die Reaktion von Peter Struck: " 'Ich glaube, dass er eine beachtliche Rede gehalten hat.' Vom Appell, die Parteien sollten keine Schaukämpfe führen, fühle er sich persönlich nicht angesprochen, sagte der SPD-Politiker."
Ich fürchte, die anderen sehen es nicht anders.

___________________________________________________________________________



Obama-Antrittsrede
Hier gibt es die ersten drei Minuten der Rede mit Untertiteln.


An Obamas Stil fällt auf, dass er auf die Sprache vertraut. Er steht hinter dem Rednerpult, die Gesten sind sparsam und doch erreicht er Wirkung; obwohl er sich entgegen der modischen Lehre von der Dominanz der nichtsprachlichen Redefaktoren verhält.
Wieso?
Es ist das kontrollierte Pathos, der gehobene Predigtton ("But know this, America"), der sich ausdrückt in rhetorischen Figuren. Es sind Bilder ("rising tides of prosperity") und die Raffungen ("jobs shed;businesses shuttered"). Es sind die Sprechpausen. Sie sind nicht immer optimal gesetzt, aber immer da und sie bestimmen die selbstsichere Ausstrahlung des Redners. Der weiß, was er will und er sagt, was er will - das ist die Botschaft.
Im Grunde hält Obama eine chiliastische Umkehr-Rede. Mit einem wichtigen Unterschied:
Die Chiliasten predigen: Das Ende kommt, bereitet Euch vor!
Obama sagt: Das Ende droht, wir können es aufhalten! Yes, we can!
Das sind die Botschaften, die Leadership ausmachen.