Aus meinen Sudelbüchern
Beobachtungen, Betrachtungen, Einfälle, wie sie gerade anfallen.
14.04.2026
Wie man sich die Welt halt so zurechtfummelt
Wieder einmal fühle ich mich aufgefordert, den zeitgenössischen Karl Kraus zu geben – mit allem Respekt, wie sich von selber versteht und hier schon mehrfach bekundet wurde.
Den Anstoß gab diesmal ein Artikel in der „Sächsischen Zeitung“ vom 11./12. April 2026. Unter der Überschrift „Zwischen Leben und Existieren“ füllt er die ganze Seite Drei der Ausgabe.
Ganz klar, denkt sich Leserin wie Leser: Es geht ums Ganze. Liest den nicht minder großsprecherischen Untertitel und erschauert, denn da steht: „Deutschland ächzt unter den hohen Preisen nicht erst seit Beginn des Iran-Kriegs. Die Politik scheint ratlos. Noch hält das Land zusammen – doch der Druck nimmt zu und mit ihm wachsen die Zweifel an der Regierung.“
So weit, so abenteuerlich. Nun darf man das ja durchaus glauben, sogar als Journalist, wenn es aber als Wirklichkeitsbeschreibung daherkommt, dann sollte der nachfolgende Artikel wenigstens versuchsweise Belege für die Thesen vorbringen. Umso mehr, je steiler die These.
Um es kurz zu machen: Ich habe keine gefunden. Über Gemeinplätze, die das Thema irgendwie umkreisen, sind die Autoren nicht hinausgekommen. Den Nachweis dafür spare ich mir an dieser Stelle, sonst wird dieser Eintrag länger als der Artikel. Zumal sich die Autoren selbst von diesem Anspruch entlasten, was mir allerdings erst sehr spät auffiel: Über der Headline stand nämlich – viel kleiner und im zurückhaltenden 50%-Grau: „Story des Tages“
Aha, dachte ich und schlug vorsichtshalber mein Englisch-Wörterbuch auf. Und siehe! Mein Gedächtnis hatte nicht getrogen: „Story“ wird übersetzt mit „Geschichte“, „Erzählung“, mit Anklängen an „Märchen“ und „Gerücht“. Ja, dann…!!
Nun sagt ja ein Bild mehr als tausend Worte und die Psychologie weiß, dass viele Leser eher Betrachter einer Zeitung sind, insofern sie beim Medienkonsum selten über die Headline und die Bilder hinauskommen. Sehen wir uns also die beigegebenen Bilder näher an. Es handelt sich einmal um eine Strecke von drei Fotos, die unterschrieben sind mit: „Die Menschen merken es an den verschiedensten Stellen: Das Leben wird deutlich teurer.“
Das legt nahe, die Fotos belegten genau dies. Gezeigt werden eine Tankstelle, ein Supermarkt-Kassenzettel und eine Pflegesituation. Allerdings bemerkt der zweite Blick, dass es sich um Stock-Fotos mit begrenzter Relevanz handelt, die vom Redaktionsnetzwerk Deutschland zusammenmontiert wurden.
Der dritte Blick geht auf den Kassenzettel mit dem groß gedruckten Betrag 192,06 €, und von da auf die Einkaufsliste. Ja, man kann sie gerade noch lesen. Dabei kommt heraus:
1. Der tatsächliche Zahlbetrag beträgt dank einer Kundenkarte 166,97 €
2. Auf dem Zettel stehen Softdrinks, Alkoholika und Zigaretten für 79.95 € und machen damit knapp die Hälfte der Zeche aus
Spricht das nun für „Leben“ oder für „Existieren“?
Zum Schluss noch ein Wort zu einer ebenfalls ins Bild gebrachten Umfragestatistik, deren Ergebnisse „aus einer nicht repräsentativen Befragung in mehreren Bundesländern“ stammen, die leider unter Wissenschaftlern so viel wie nichts bedeuten, einfach, weil niemand weiß, was diese Zahlen beschreiben.
Wir haben nicht einmal eine Story vor uns, sondern zusammengeschustertes Stimmungsgeraune, das keiner braucht und das keinem hilft.
Admin - 13:37:56 @